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16. b) Halbvokal v (§ 7).

Der aus der vorhistorischen Ursprache überkommene Halbvokal ϝ (§ 7, 2), nach seiner Gestalt später Digamma (Doppelgamma), dagegen von Haus aus gemäss seiner Aussprache (wie engl. w, lat. v § 3, 14, S. 59) Vau (geschr. nachmals Βαῦ) genannt, im alten Alphabete die sechste Stelle einnehmend (§ 2, 1), war ursprünglich ohne Zweifel bei allen griechischen Stämmen im Gebrauche. Da aber sein Laut dem griechischen Ohre und Munde unangenehm war, so wurde er von einigen Stämmen früher, von anderen später beseitigt, indem er entweder durch andere Konsonanten oder durch Vokale ersetzt oder ganz verdrängt wurde. Es wird diese Beseitigung des Vau mit dem Übergange von u in ü in einem gewissen Zusammenhange stehen; denn wenn das silbenbildende u zu ü wurde, so konnte das halbvokalische weder diesen Übergang mitmachen, ohne silbenbildend zu werden, noch als einzig vorhandenes U sich auf die Dauer behaupten. Wir sehen somit auch mehrfach, wie sich das Digamma da am zähesten hält, wo das υ seinen alten Laut bew<*>hrt hatte, und umgekeh<*> da früh ausgegangen ist, wo auch das υ frühzeitig getrübt wurde. Letzteres ist bei den östlichen Ioniern (auch den Attikern) der Fall, und so ist bei ihnen auch das Vau frühzeitig beseitigt worden. Während es nämlich in den Homerischen Gesängen, wie wir § 17 sehen werden, noch im Gebrauche, freilich schon vielfach durch υ und im Anlaute durch ε ersetzt, in vielen Fällen auch aufgegeben war; ist es in der neuionischen Mundart des Herodot spurlos verschwunden, und hat auch bei den Lyrikern und Iambographen nur schwache Spuren hinterlassen.1) Dagegen kennen es, nach dem Zeugnisse ihrer Vasen, noch die chalkidischen Ionier Italiens, und selbst auf Naxos finden wir noch ein sicheres und ein mehr unsicheres Beispiel (ΑFΥΤΟ d. i. αὐτοῦ, C. I. Gr. 10, vgl. Kirchhoff, Gr. Alph.^{4}, 86; Fιφικαρτίδης? Bull. de corr. hell. 1888, 464). Bei den anderen Stämmen hält sich ϝ zwar länger, und bei den Böotern, sowie bei Italioten bis in die hellenistische Zeit, ja bei den Lakoniern ist der Laut v nie ausgegangen, wenn auch das Zeichen F aufgegeben wurde (s. unten 3 a, α); aber im allgemeinen sehen wir fast überall, dass das Digamma schon in alter Zeit nicht mehr in seiner vollen und unversehrten Kraft bestand, sondern teilweise bereits durch andere Laute ersetzt oder ganz weggelassen war. Den unversehrtesten Gebrauch des F zeigen uns die älteren kyprischen, sowie die altkorinthischen Inschriften. Bei den Lesbiern dagegen, nach welchen doch das Digamma das äolische heisst,2) wurde sein Gebrauch schon frühzeitig sehr schwankend; denn bei ihren Dichtern geht es häufig als Inlaut zwischen Vokalen in υ und vor ρ in β über, noch öfter verschwindet es im Inlaut, und auch im Anlaut wird es nach Bedarf des Verses bald gebraucht, bald weggelassen. Auf lesbischen Inschriften findet sich von ϝ keine Spur mehr. Bei den Böotern und einigen dorischen Stämmen behauptete sich das ϝ zwar länger und gleichmässiger; zuerst ging es als Inlaut, später als Anlaut verloren; aber schon bei Alkman finden wir es bisweilen vernachlässigt, mehr noch bei Epicharmus3); auch auf den Tafeln von Herakleia, die es noch kennen, ist es doch in sehr vielen Wörtern weggelassen.

Beispiele4): a) Dor. bei Alkman ϝ überliefert oder nach der Überlieferung hergestellt fr. 99 Bgk. ϝά (= ἑά), 79 δάϝιον (= δήϊον), ϝάναξ; auf dem ägypt. Papyrusfragment (23 B.) col. I, 6 ϝάνακτα; an anderen Stellen ist das ϝ zwar nicht geschrieben, aber ausgesprochen worden, wie man teils aus dem Hiatus, teils aus dem Metrum sieht: Papyr. II, 24 τὸ εἶδος, III, 8 τε Ἰανθεμίς, frg. 51 ἐγώνγα ἄνασσα, 76 τὸ ἦρ, 31 ἔειξε wahrscheinlich ἔϝειξε v. ϝείκω, 69 ὅς ἕθεν (-υ-), 36 Κύπριδο̂ς ἕκατι; aber hie und da zeigt sich das Digamma erloschen: τοῦθ̓ ἁδεᾶν fr. 37 (τοῦτο ϝαδ. ändert Bergk), τίς ποκα^ ῥᾴ 42, σιειδής d. i. θεοϝειδής Papyr. III, 3. Inlautend als υ das. II, 29 αὐειρομέναι (˘ ¯ ˘ ˘ ¯). In den lakonischen Stellen von Aristophanes' Lysistrate kann man Digamma ziemlich durchführen, wiewohl es nie geschrieben ist (V. 1096 τὸ ἔσθος). — Bei Epicharmus fr. 19 Ahrens ἥκω οἴκαδις, 29 τῷ ἦρι, 60 χορδαί τε ἁδύ, 98 σάφα ἴσαμι u. dgl., 113 ἄγροθε̂ν ἔοικε. Zahlreiche Beispiele des Digamma bewahren die dorischen Inschriften, namentlich die älteren, während auf den jüngeren der Buchstabe entweder ganz fehlt, oder nur in wenigen Wörtern enthalten ist. So auf den herakleischen Tafeln in ϝέτος (aber inlautend das. πενταἑτηρίς), ϝίκατι od. ϝείκατι, ϝίδιος, 1, 109 ἐγϝηληθίωντι (= ἐξειληθῶσι von ϝηλίω = εἰλέω), ϝέξ u. Ableitungen (aus σϝέξ); dagegen ohne ϝ ἐργάζομαι, οἰκία ἐποίκια (doch ἐπιοικοδομά), ἕργω, ἀφέργω, ἐφέργω, συνἕργω, ἵσος od. ἴσος, ῥήτρα, ἄρρηκτος. S. Ahrens II, 42 f. Von altdorischen Inschriften haben die des korinthischen Dialekts das ϝ, auch das inlautende nach Konsonant und Vokal, am treuesten bewahrt, als Fεκάβα, Fίφιτος, Fιόλαϝος (Fιόλας), Λαϝοπτόλεμος, Πυρϝός, ἀμοιϝά (= ἀμοιβή), Αἴϝας, Δϝεινίας u. a. m. Korinth, πρόξενϝος, ὄρϝος (ὅρος), Ξενϝάρεος, ῥοϝαῖσι, ἀϝυτάν (missverständlich Τλασίαϝο in der epischen Genetivform) Korkyra. In Argos alt Διϝί, ἐποίϝηἑ; in Lakonien ναϝῶν noch Ende 5. Jahrh., Γαιαϝόχω Stele des Damonon; ΗΙΛΕFΟ[Ι] ἱλήϝωι lakonisches Epigr. Olympia; Kreta (Gortyn. Tafeln) ϝήμα (von ἕννυμι), διαϝεῖπαι u. a., aber ausser ϝίσϝος (ἴσος) im eigentlichen Inlaute verschwunden; Mittelgriechenland αἰϝεί und κλέϝος, Altar von Krisa, ϝεϝαδηκότα (von ἁνδάνω), ϝασστός, ϝέκαστος, ϝότι Lokr. (im eigentlichen Inlaute auch hier nicht mehr, auch nicht in ιστία = Fεστία ἑστία).

b) Böot. auf Inschr. ϝάστιος = ἄστεος, ϝέτος, ϝίκατι, ϝισοτέλιαν v. ϝίσος = ἴσος, ϝοικία, ϝεϝυκονομειόντων = ᾠκονομηκότων u. a., als Inlaut noch ΠτωιΕϝι (= Πτωϊεῖ Dativ) alt Bullet. de corr. hell. X, 191, nachmals im Kompos. ϝικατιϝέτιες, auffällig auf jungen Inschr. ῥαψαϝυδός, αὐλαϝυδός = ῥαψῳδός, αὐλῳδός. S. Ahrens I, 169 sq., Meister, Dial. I, 253 ff. Bei der Dichterin Korinna, die den böot. Dialekt anwandte, scheint fr. 19 πῆδ᾽ ἑϝόν mit Beermann aus πηδεγον herzustellen. Dagegen bei Pindar, der zwar ein Böoter war, aber einen gemischten Dialekt gebrauchte, zeigt sich das Digamma geschrieben nie, latent beständig nur bei dem Pron. οὗ, als O. 1, 23. 65; 6, 20 u. so an sehr vielen Stellen; im Übrigen ist er im Gebrauche desselben unbeständig,5) wovon der Grund in seiner gemischten Sprache liegt; denn keineswegs hat er vor den digammierten Wörtern die Kürze einer konsonantisch auslautenden Silbe, noch den Apostroph vermieden; dagegen verleiht er dem Digamma kaum irgend mehr positionsbildende Kraft.6)

c) Lesbisch (mit leichter Corruptel in den Hdschr.) bei Aleäus fr. 39 ϝάδεα = ἡδεῖα, bei A. 55 und S. 28 ϝείπην = εἰπεῖν; Apollon. bezeugt ϝέθεν, ϝοῖ, ϝός, letzteres geschrieben in e. Frg. (Alkaios 50 Bgk.^{4}) in den Vol. Herc. Ox. I, 122; in Balbillas äol. Gedichten steht für FΟΙ, FΕ ΓΟΙ, ΓΕ auf dem Steine; vor e. Kons. ϝρῆξις einmal b. Alc. nach Tryphon πάθ. λέξ. § 11; an einzelnen Dichterstellen sieht man aus dem unerlaubten Hiatus, dass ϝ im Anlaute gestanden hat, als: A. 15, 7 ὑπὸ ἔργον, S. 2, 9 γλῶσσα ἔαγε. S. Ahrens I, p. 32, Meister I, 103 ff.

d) Thessalisch (Meister I, 300) wenige Beispiele: Fασίδαμος (St. ἡδ-), Δάϝων, Fεκέδαμος, Κόρϝαι (thessal. nur nach Vermutung, s. Dial.-lnschr. 373). — Arkadisch (ders. II, 103) ebenfalls nicht oft: Fασστυόχω, Fανακισίας u. a., im Inlaut κάταρϝος Bull. de corr. hell. 1889, 281 von ἀρϝά, att. ἀρά. — Kyprisch (ders. 242 ff.) in den Inschr. epichorischer Schrift noch sehr reichlich: Νικοκλέϝης, Νεϝαγόρας, βασιλῆϝος, Διϝείθεμις, ΣαϝοκλέFης (= att. Σωκλῆς), wiewohl auch hier in manchen Beispielen inlautendes Digamma fehlt; anlautendes fehlt fast nirgends.

In betreff der Änderungen, welche das ϝ erfahren, hat, sind folgende Fälle zu unterscheiden:

a) anlautendes ϝ.

α) es ist dafür der verwandte Lippenlaut β gesetzt, so bei den Lakedämoniern und anderen Doriern7), z. B. Βορθαγόρας Argos, Röhl, J. Gr. ant. 30, βάννας (italiot.) = ἄναξ, βάδομαι = ἥδομαι, βείκατι = εἴκοσι, βεκάς = ἑκάς, βέργον = ἔργον, βεστόν od. βεττόν, vestis, βέτος = ἔτος, βιδεῖν = ἰδεῖν, βίως = ἴσως, βοῖνος = οἶνος u. a. (Glossen), Βαστίας, Βιόλας u. a. (lakon. Inschr.), auch im Inlaute Glossen ἀβείδω = ἀείδω, ἀβέλιος = ἀέλιος (ἥλιος), ἀβηδών = ἀηδών, ἀβώρ = ἠώς, ἀκροβᾶσθαι = ἀκροᾶσθαι, θαβακός = θᾶκος, φάβος = φάος, ὤβεα = ᾠά, ova, λαίβα, Schild, Kret. (v. d. linken Hand, vgl. l. laeva) u. a., Inschr. Βολοεντίοι nb. Βολοντίοι, Ὀλοντίοι Kret., Φάβεννος Lakedämonier auf e. delph. Inschr., Dittenberger, Syll. 189, in der Komposition lak. Inschr. Εὐρυβάνασσα und (mit aus ευ entwickeltem ϝ) Εὐβάλκης; διαβειπάμενος kret. Inschr.; vor e. Konson. nur in dem kret. Ortsnamen Βλισσήν = Λισσήν, Ὀλισσήν; (einige Glossen haben anlautendes β, obwohl ihnen ϝ fremd ist, als: βαγός = ἀγός v. ἄγω, βαλικιώτης Kret. = ἡλικιώτης). — Eleisch: Βηλεύς (richtiger Βαλ.) = Ἠλεύς, Βαδύ = Ἡδύ, βοικία (Damokratesinschr.) u. a., Meister II, 47; — Lesb. vor ρ: bei Sapph. βρόδον, βράκεα, βράδινος; b. Theokrit. βραϊδίως, b. d. Gramm. βρίζα, vgl. Wurzel, βρύτις = ῥυτίς, βρύτηρ (cf. ϝερύω Hom.), βρᾴ = ῥᾴ (Alkm.) ῥέα, Βραδάμανθυς, βρήτωρ; aber b. Alc. [s. 2, d)] ϝρῆξις. Es ist bei diesen Schreibungen sehr schwer zu unterscheiden, was wirklicher Lautübergang und was nur notdürftiger Schriftausdruck in Ermangelung des verlorenen Digammazeichens ist; in letztere Klasse gehört sicher der arkad. Name Βασί̂ας (= Fασίας) Xen. Anab. 4, 1, 18 (Meister II, 103). In manchen Dialekten scheint auch β spirantischen Laut angenommen zu haben, so dass es von ϝ nicht weit abstand.

β) ϝ wird μ. Der Übergang des ϝ in den Lippennasal erstreckt sich jedenfalls nur auf eine kleine Anzahl von Wörtern, als: μάλευρον, Mehl, nach Curtius = ϝάλευρον, ἄλευρον, [root ] ϝαλ, ἀλέω, mahle (doch zeigt ἀλέω keine Spur anlautenden Digammas, dem auch schon die att. Reduplikation bei diesem Verbum widerspricht); μαλλός, Zotte, l. villus?, μολπίς, Hesych. = ϝελπίς, ἐλπίς. In anderen Beispielen, die man hierherzieht, ist dieser Übergang vollends schwierig nachzuweisen, wie Curtius, Et^{5}. 591 ff. selbst gezeigt hat.

γ) ϝ wird γ. Dies scheint aber eher ein Übergang in der Schrift zu sein: Gamma statt Digamma, und aus blosser Unkunde hervorgegangen, gleichwie in den Steininschriften der Balbilla (oben 2, d) durch Unkunde des Steinmetzen ΓΟΙ, ΓΕ steht. So führt denn Hesychius eine nicht geringe Anzahl von Glossen, denen ϝ zukommt, unter Γ und mit γ an, als: γάδεσθαι = ἥδεσθαι, γανδάνειν = ἁνδ., γακτός v. Fάγνυμι, γάλι = ἅλις, γέαρ = ἔαρ, ver, γέμματα = ϝέμματα, εἵματα, γέτος = ἔτος, γήθεα = ἤθη, γία = ἴα, γίο, γοί = οὗ, οἷ, γίς = ἴς, vis, γιστία = ἱστία, ἑστία, γοῖδα = οἶδα, γοῖνος = οἶνος vinum, u. a., mit γ als Inlaut ἀγατᾶσθαι = ἀϝατᾶσθαι = βλάπτεσθαι (vgl. αὐάτα d. i. Fάτα b. Pind. = ἄτη).8) Über das Hom. γέντο s. § 19, Anm. 1. — Doch ist im Inlaute aus νϝ γγ in φέγγος geworden, welches sich zu φάϝος verhält wie πένθος zu πάθος, βένθος zu βάθος u. s. w., und auch im Anlaut vor ρ scheint γρῖνος (ϝρῖνος, ῥῖνος) Haut durch Herodian bezeugt.

δ) ϝ wird Spiritus asper, doch nur selten, so tab. Heracl. I, 57. II, 35 πενταἑτηρίς neben Fέτος, desgl. ἕτος oft in der κοινή, s. § 22, Anm.; ferner tab. Her. ἕργω (ἀφέργω, ἐφέργω, συνἕργωI, 83. 85; ἵσος nb. ἴσος (ebenso in der κοινή oft, s. § 22, 10); in der gewöhnlichen Sprache ἕσπερος, l. vesper, ἕν-νυμι (aus ϝέσ-νυμι), sk. vas-man (Kleid), l. ves-tio, ἑκών, ἕκηλος, sk. va[cnull ]-mi (will), ἑστία, l. Vesta, ἕρση (Tau), sk. varš-as (Regen), ἵστωρ, ἱστορία, ἱστορεῖν v. [root ] ϝιδ, vid-ere, neben ἰδεῖν (weshalb auch einige alte Grammatiker die Schreibung ἴστωρ vorzogen, s. Spitzner ad Il. ς, 591); aber σϝ werden gewöhnlich (wenn nicht ς bleibt) Sp. asper (durch hw hindurch), als: ἑκυρός, sk. [cnull ]va[cnull ]uras

Kühners ausführl. Griech. Grammatik. I. T.

(st. svakuras), goth. svaihra, ἡδύς, sk. svâdus, l. suavis (schon Alkman 37 τοῦθ᾽ ἁδεᾶν), οὗ, οἷ, , St. sve-, ἱδρώς, St. svid (doch ἰδίω).

ε) ϝ verhärtet sich zu π in dem Namen Πάξος, den Skylax p. 19 für das kret. Fάξος (s. unter ζ) bietet (Vossius korrigiert Ἀξός). Schreibfehler sind bei Hesychius τηράνθεμον für ϝηρ., λαῖτα Schild für λαιϝά (oben α) u. s. w., Ahrens, p. 56. (Auch φ steht anlautend für ϝ in λαῖφα ἀσπίς, ebenfalls Hesych.)

ζϝ vokalisiert sich, was indes, ähnlich wie die Ersetzung durch β γ, grossenteils Sache der Schreibung ist. So steht ο für ϝ in dem Namen Ὀαλίδιος zu Eretria, d. i. Fαλίδιος Ἠλεῖος, in den kret. Ortsnamen Ὄαξος (b. Apoll. Rh. I, 1126 Οἰαξίς st. Ὀαξίς) aus Fάξος (von Fάγνυμι, St. Byz. s. v., Cobet, Misc. 355) und Ὀλισσήν (nb. Βλισσήν, oben α), aus Fλισσήν; vgl. Fαξίων, Brief der Vaxier, Ὀαξίοι, ätolisches Dekret, Bull. de corr. hell. VI, 460; vor ρ in Ζεὺς Ὀράτριος auf Kreta, was doch = Fράτριος sein wird; υ schreibt eine kret. Inschrift in ὔεργον, so Ὑέλη Velia, Hartel, Hom. Stud. III, 36; Bechtel, Inschr. des ion. Dial. S. 106, nach welchem daraus hervorgeht, dass υ damals bei den Gründern der Stadt, den Phokäern, damals noch u war. — Vgl. die spätere Wiedergabe des lateinischen v durch (ο) ου. Eigentümlich der lakon. Ortsname Οἴτυλος (Il. β, 585) oder Βείτυλος (besser doch Βίτυλος), Ahrens, p. 46.

η) Dem anlautenden Digamma wird der (prothetische) Vokal ε (α) vorgeschlagen, hinter dem es selbst verschwindet. Vgl. § 19, 1. So bei Homer ἐέλδομαι, ἐέλπομαι, ἐέλδωρ, ἐέργω, ἐέλσαι, ἔεδνα, ἐείκοσι, ἐί̂ση, also vor ε, ει, ι (so auch Pind. einzeln: ἐέρσαν ἔειπε ἐειδόμενος); auch vor ρ in ἐρύω für ϝρύω; das ϝ konnte sich hier als υ halten, daher εὔληρα (αὔλ.) Zügel, vgl. lat. lorum, L. Meyer I, 1^{2}, S. 146, Εὔρυτος neben Ἔρυτος, Εὐρυσίλαος lesb. Inschr. nb. Ἐρύλαος, ἐρυσίπτολις u. s. w. (s. z. Dial.-Inschr. 3129). (Auch εὐρύς weit ist aus ἐϝρύς entwickelt, sk. uru aus vru, G. Meyer, Gr. S. 114^{2}.) Aus einem wirklichen Dialekte sind jene Homer. Formen mit εε noch nicht nachgewiesen (vgl. § 19, 1); dagegen steht α in kret. ἄερσα Hesych., in ἀείρω (Alkman αὐείρω), ἀέξω u. s. w.; s. über die prothetischen Vokale unten § 44. In der Regel ist anlautendes ϝ vor Vokalen wie vor Konsonanten spurlos verschwunden.

b) inlautendes ϝ zwischen Vokalen.

Der Prozess des Verschwindens ist hier allgemein viel rascher und gründlicher vor sich gegangen als im Anlaut. Das verschwundene Digamma hat freilich gerade im Attischen insofern eine Wirkung hinterlassen, als die beiden nun zusammenstossenden Vokale sich schwerer durch Kontraktion vereinigen, vgl. ῥέϝω πλέϝω = ῥέω πλέω, aber δέωbindewird δῶ, ὄγδοος octavus, ἐννέα novem, νέος novus u. s. w. In Mundarten, die das ϝ länger gebrauchten, findet es sich zwischen Vokalen in υ verwandelt, welches sich mit dem vorhergehenden Vokale zum Diphthonge verbindet, so einzeln in der böotischen, als: βούων, bovum, βούεσσι, bovibus, Ἀρχεναυΐδας v. ναῦς, navis, Ἄρευα Cor. 11 von Ἄρευς = Ἄρης; häufiger in der lesbischen nach α, als: αὔηρ, ναῦος Tempel (dies auch Inschr.), φαῦος, φαυοφόροι, αὔελλα, αὐΐδετος (alles dies Gramm.; die Fragm. von Sappho und Alkm. liefern keine Belege als ναύω A. 9); ferner Ἄρευος Alc. wie böot., ἐνδεύη δευομένοις Inschr., χεύω (ἔγχευ^ε Alc. 41) θεύω ἐρεύω νεύω Gr., ἐπιπνεύοισα Alc. 66, εὐάλωκε Gr., εὐέθωκε = εἴωθε (Hesych.), εὔιδε (Balbilla). In αὔως aurora (also urspr. αὔσως), viell. auch παραύα Wange (παρ-αύα, von παραυσια, eig. das neben dem Ohre?), ist der Diphthong von Haus aus da; in πλεύω u. s. w. nehmen dies Manche ebenfalls an, ich möchte indes meinen, dass urgr. wie sk. αυ vor Vokalen αϝ gewesen wäre, also πλυ πλευ πλέϝω, indem sich das gew. πλέω πλόος aus πλεύω πλοῦος schwer oder gar nicht erklärt. Aber der lesbische Dialekt ist weit entfernt, dies αυ ευ durchzuführen: wir finden in den Fragm. der Dichter ἐάνασσε, α?̓είσω, φα?́ος u. s. w. (Meister, Dial. I, 112) und die Variante ἔγχευε neben ἔγχεε Alc. 41 zeigt durch das daktylische Mass, dass υ hier nur graphischer Ausdruck für ϝ ist, wie in αυ?̓ειρομέναι Alkm. 23, II, 29, αυ?̓άτα Pind., der wohl selbst άτα schrieb. Jenes äolische αυ, ευ finden wir auch bei Homer einzeln: αὐέρυσαν aus νϝέρ., αὐίαχοι ἀϝίαχοι, δεύω δεύομαι, ebenso Hesiod καυάξαις f. κατϝάξαις, καταχεύεται Op. 583. Vor ρ haben die Lesbier den Diphthong in αὔρηκτος = ἄρρηκτος, εὐράγη ἐρράγη, Εὐρυσίλαος Inschr. f. Ἐϝρυσίλαος, vgl. Homer ταλαύρινος aus ταλά-ϝρινος, ἀπούρας aus ἀπο-ϝρας, Εὔρυτος nb. Ἔρυτος u. s. w. (oben a, η), und auf kypr. Inschr. ἐϝρητάσατυ neben εὐϝρητάσατυ d. i. ὡμολόγησε von ϝρήτασθαι, zu ϝρήτα (ῥήτρα) ὁμολογία. Im allgemeinen aber wiegt bei Homer die andere Weise vor, den Vokal vorher arbiträr zu dehnen, was das Attische wenigstens bei α in den meisten Fällen regelmässig thut: (Ἀϝίδης) ?᾿αί̂δης aber auch Ἄ̂ϊδος, att. Ἄ̂ιδης, α?̓είδω und ἆείδω, att. ᾄ̂δω, ἆΐσσω (spätere Dichter auch α?̓ΐσσω), att. ᾁττω; man ist hiernach nicht berechtigt, mit Hartel (Hom. Stud. III, 27 f.) Αὔιδος, αὐείδῃ u. dgl. als Homerisch anzusetzen. In einzelnen Fällen ist die Dehnung auch durch zugesetztes ι ausgedrückt: οἴιες Od. ι, 425 = ὄϝιες; κοίιλος? Alc. fr. 15, 5, wo Ahrens κώιλαι, Hdschr. κοῖλαι; Mimnerm. 12, 6, Hdschr. ebenf. κοίλη; οἰέτεας Il. β, 765 (Hartel a. a. O. 31 f.), vgl. Οἰαξίς b. Apollon. oben a, ζ); nach ε in λείουσι Il. e, 782. h, 256. ο, 592 (das. 33 f.), sowie in πνείω (ἀποπνείοντ̓ Tyrtae. 10, 24) θείω u. s. w. (vgl. § 38, Anm. 4; § 231, Anm. 1).

c) Inlautendes ϝ nach Konsonanten kann sich diesem assimilieren, doch wird die Verdoppelung des Konsonanten nachmals selbst meistens beseitigt, mit oder ohne Dehnung des vorhergehenden Vokals, als: ϝίσϝος gleich, äol. ἴσσος, Hom. ἶσος (G. Meyer will ἴσσος), att. ἴσος; ξένϝος (korinth.), äol. ξέννος, ion. ξεῖνος, att. dor. ξένος; ὅρϝος Grenze Korkyra (ὅρρος nicht mehr nachzuw.), ion. οὖρος, att. ὅρος, dor. ὄρος; aber πυρϝός (korinth.) allgemein πυρρός, vgl. § 29, Anm. Ferner γοῦνα δοῦρα für γόνϝα, δόρϝα, πολλοῦ doch für πολϝοῦ, u. s. w.; nach Muta tarent. ἴκκος gew. ἵππος für ἴκϝος equus; vgl. den Namen eines päonischen Fürsten Λύκκειος und Λύππειος (aus Λύκϝ.) Meisterhans, Gr. d. att. Inschr. 59^{2}; sonst steht für altes κϝ ππ, π, als ὅππως ὅπως, ion. ὅκως, bei anlautendem κϝ natürlich einfacher Konson.: πῶς, ion. κῶς; vor hellem Vokale ττ, τ: ὅττι, ὅτι, thessal. πόκκι; anlaut. τίς, thess. κίς. Die Verbindung τϝ wird ττ att. böot., τ dor., σς (ς) gew.: att. τέτταρες, böot. πέτταρες, dor. τέτορες, äol. πέσσυρες, hom. πίσυρες, ion. τέσσερες, vgl. sk. [kacute]atvâras, lat. quattuor. Bei δϝ ist Assimilation in der hom. Schreibung ἀδδεές Il. θ 423 u. s. w., doch Aristarch ἀδεές, La Roche, Hom. Textkr. 178; Dehnung des vorhergehenden Vokals in δείδοικα u. s. w. Hom., spurloser Ausfall gew.: δέδια δεινός δίς für δϝίς (lat. bis) δισσός u. s. w.; auch δήν δηρόν s. § 19, Anm. 2; Alkman sagte für δϝήν δοάν mit Vokalisierung, Bk. An. II, 949. Ein eigentümlicher Lautübergang von τϝ, δϝ in τρ, δρ zeigt sich in Glossen bei Hesych.: kret. τρέ für σέ (τϝέ), ohne nähere Angabe δεδροικώς f. δεδοικώς, Ahrens II, p. 51.

d) Inlautendes ϝ vor Konsonant (selten, und nur in der Komposition und Ableitung) wird ziemlich analog dem anlautenden behandelt, vgl. oben b) εὐράγη, gew. ἐρράγη, wo das ρρ als Ersatz für ϝρ gefasst werden kann, wiewohl richtiger diese Verdoppelung des inlautend werdenden auf die Aussprache dieses Konsonanten im Anlaut zurückgeführt wird. Wenigstens steht für inlautendes ρ mit Kons. attisch nicht ρρ wie lesbisch, sondern ρ, z. B. φθείρω.

Das Schwinden des Digamma auch in den Dialekten, die den Gebrauch des ϝ bewahrt hatten (oben 1. 2), genügt es mit wenigen Beispielen zu belegen. So lassen die Böotier das ϝ als Inlaut gewöhnlich weg, als: ἀΐδων Cor. 18, auf Inschr. εὐεργέτας, Διΐ (eleisch Δί, kontrah. aus Διϝΐ, Δι Corp. Inscr. I, 29), Δαμοκλεῖος, Τιμόλαος; dasselbe geschieht bei den lesbischen Dichtern, als: Δίος, ὤϊον öfter Sapph., und sogar im Anlaut ἐπεμμένα (od. ἐπαμμένα? wie Alkm. 18) Sapph. 70 b. Maxim. Tyr. XXIV, 9, ᾿ναξ Alc. 1, τὸ δ̓ ἔργον 14, προ^σίδοισαν S. 69, οὐκ οἶδα 36, φάεννο^ν εἶδος 3 u. s. w.; im Inlaut auch so, dass Kontraktion eintritt, als: Ἄλιε Adesp. 61 Bgk. (aus Ἀέλιε), ἀλίω S. 69 (aus ἀελίω); sonst st. ᾶϝ regelmässig blosses α_ als: νᾶος, νᾶϊ A. 19. 18; ἐξεκλάϊσε ἐλαΐζετο Inschr., λᾶον (λαόν) Alc. 92 (Meister, Dial. I, 111 f.), ebenso α^, ε oft st. lesb. αυ, ευ (oben 2), als α?̓είσω S. 11, α?̓οίδαν Alc. 39, α?̓ήδων S. 39, α?̓έρρει A. 78, ἐάνασσε A. 64. Auf lesbischen Inschriften findet sich keine Spur des ϝ.9) — Bei dem dor. Dichter Alkman wird bisweilen ein Wort vor einem sonst digammierten Worte apostrophiert, also das ϝ weggelassen, als: 117 οἶνον δ̓ Οἰνουντιάδαν v. ϝοῖνος, vinum, vor ρ 42 in ῥᾴo l. βρᾴ), vgl. oben 2a; auch bei Epicharmus oft, als: ἔσθοντ̓ ἴδῃς 18, πλατίο^ν οἰκεῖ 72 u. s. w. — In der gewöhnlichen Sprache z. B. ἡδεῖα st. σϝᾶδεϝ-ια, sk. svâdvî, ἐσθής, vestis, ἰδεῖν, videre, οἶκος, sk. vê[kacute]as (Haus), l. vicus, goth. veihs (Dorf), εἴκω, weiche, ὄψ, vox, ἔργον, Werk, ἐργάζομαι, wirke, ἔτος, sk. vatsas (Jahr), l. vetus, ᾿ῖτέα, richtig εἰτέα, Weide, l. vitex, ἄστυ, sk. vâstu (Haus), l. Vesta, ἦρ, ἔαρ, vēr, ἴον, viola, ἰός (Gift), sk. vish-as, l. virus, ἴς, vis, ἐμέω, sk. vammi, l. vomo, u. v. a.; vor ρ, als: ῥόδον st. ϝρόδον, ῥήγνυμι st. ϝρ.; hinter δ und ς (δϝ, σϝ), als: δώδεκα neben δυώδεκα, δίς st. δϝίς, sk. dvis, l. bis, ἦδος, ἡδύς, sk. svâdus, l. suavis, ἔθος, ἦθος, ἐθίζω [root ] σϝεθ, σάλος, Schwanken, ahd. swellan, jetzt schwellen, σέλας, σελήνη, σείριος, sk. svar (Himmel), l. sôl, goth. sauil, σιγή, σιγᾶν, mhd. swîgen, jetzt schweigen, σομφός, goth. svamms;10) im Inlaute, als: οἶς, ovis, sk. avis, ᾠόν, ovum, κληΐς, dor. κλᾶἰς, clavis, νέος, novus, sk. navas, σκαιός, scaevus, sk. savjas, δῖος, divus, sk. divjas, αἰών, aevum, βοῦς, l. bôs, sk. gâus, βοός, bovis, sk. gav-as, δαήρ, sk. dêvâ (A. dêvaram), l. lēvir, πνέω (st. πνέϝω, äol. πνεύω, F. πνεύσομαι), ῥέω (st. σρέϝω), sk. sravmi, λεῖος, lēvis; nach einem Konsonanten, als: ξένος, dor. noch ξένϝος, ὅρος, dor. noch ὅρϝος, ἴσος aus ϝίσϝος (kret.).

1 S. A. Fick in Bezzenbergers Beitr. XI, S. 255 ff.

2 Quint. I, 4, 7. 7, 27; Prisc. I, 12. 20. Apollon. pronom. 98 A. Vgl. Ahrens, D. I, 30 ff.; Meister, Dial. I, 103 ff.

3 Über Spuren des Digamma bei dem Elegiker Theognis v. Megara s. Sitzler, N. Jahrb. f. Ph. 125, 505 ff.

4 Die inschriftlichen Belege für ϝ stellt mit grosser Sorgfalt zusammen Tudeer, de dialectorum Gr. digammo testimonia inscriptionum, Helsingfors 1879.

5 Hermann, Opusc. I, p. 247 sq. behauptet, dem Pindar sei der Gebrauch des Digamma fremd. Wenn man aber sieht, wie er das Pron. οὗ gleichmässig als ein digammiertes Wort behandelt und wie häufig der Hiatus vor digammierten Wörtern vorkommt, so ist diese Meinung unmöglich aufrecht zu erhalten. Pindar selbst kann auch recht wohl das Digamma noch geschrieben haben. Vgl. oben Einl. 2, 4, S. 30.

6 Hartel, Hom. Stud. III (1874), S. 83 ff. Doch s. Isthm. 5, 42, wo τοιοῦτο̂ν ἔπος Christ, τ. ϝέπος Mommsen; Ol. 2, 45, N. 10, 15, P. 4, 253 (Heimer, Stud. Pind. 51).

7 S. d. Verzeichnis b. Ahrens II, p. 45 sqq.

8 S. d. Verzeichnis bei Ahrens II, p. 53 ff., der mit Recht (gegen Buttmann, Lexil. II, 161, vgl. Giese, Aeol. Dial. 190 ff., Curtius, Etym.^{5} 597 ff.) dieses γ überall durch ϝ ersetzt.

9 S. Ahrens I, p. 30 sqq. Meister I, 104.

10 S. Kuhn in Ztschr. f. vergl. Sprachforsch. II, S. 132 f. Curtius, Et.^{5} S. 695.

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