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Regeln über die Inklination des Tones.

Vorbemerk. Die Inklination tritt aber nicht überall ein, wo auf ein Wort eine Enklitika folgt, sondern nur dann, wenn das ihr vorangehende Wort so betont ist, dass entweder dasselbe mit der nachfolgenden Enklitika ohne neuen Ton in Ein Wort verschmelzen, oder der letzte Teil des Wortes den Ton der Enklitika aufnehmen kann, so dass gewissermassen zwei neue Wörter mit zwei Accenten entstehen. So z. B. bildet καλός τις ein Proparoxytonon, καλός ἐστιν ein Proparoxytonon. Wenn aber κάλλιστος und ἐστίν mit einander verbunden werden, so nimmt κάλλιστος den Ton von ἐστίν auf seine Ultima, und nun entstehen gleichsam zwei neue Wörter: ein Paroxytonon κάλλι und ein Proparoxytonon στόσεστιν. Wenn aber auf ein Paroxytonon (mit Ausnahme derer trochäischen Masses) eine zweisilbige Enklitika folgt, so kann eine Inklination gar nicht stattfinden, als: φίλος ἐστίν; denn nähme φίλος den Ton von ἐστίν auf, so würden in unangenehmster Weise zwei benachbarte Moren (φί-λός) beide einen Hochton haben. Demgemäss gelten folgende Regeln in betreff der Inklination:

I. Ein Oxytonon verschmilzt mit der folgenden Enklitika so, dass der in der Mitte der Rede gebräuchliche Gravis (§ 85, 1) wieder in den Akut übergeht, weil die Enklitika nur als ein Teil des anderen Wortes angesehen wird, als:

aus θὴρ τέ wird θήρ τε aus καλὸς ἐστίν wird καλός ἐστιν
" καὶ τινές wird καί τινες " ποταμὸς γέ wird ποταμός γε
" καλὸς τέ wird καλός τε " ποταμοὶ τινές wird ποταμοί τινες.

II. Ein Perispomenon verschmilzt mit der folgenden Enklitika ohne weitere Veränderung des Tones, als:

aus φῶς τέ wird φῶς τε aus φιλεῖ γέ wird φιλεῖ γε
" φῶς ἐστίν wird φῶς ἐστιν " καλοῦ τινός wird καλοῦ τινος
" καλοῦ μοῦ wird καλοῦ μου " καλῶν τινῶν wird καλῶν τινων.

Anmerk. 1. Ein Perispomenon vor einer zweisilbigen Enklitika wird als ein Oxytonon angesehen; denn nach dem allgemeinen Gesetze der Inklination würde eine zweisilbige Enklitika nach einem Perispomenon der Inklination nicht fähig sein.

Anmerk. 2. Lange Silben der Encliticae werden in Beziehung auf die Betonung als kurze angesehen, weil die enklitischen Wörter rasch und ohne Nachdruck gesprochen werden;1) daher καλοῦ μου, καλῶν τινων, ἤκουσά τινων, ἀνθρώπου μου, ἄλλου του. Vgl. Anm. 5.

III. Ein Paroxytonon verschmilzt nach unserer Betonungsweise mit der folgenden einsilbigen Enklitika ohne weitere Veränderung des Tones; folgt aber auf das Paroxytonon eine zweisilbige Enklitika, so behält diese ihren Ton, als:

aus φίλος τέ wird φίλος τε aber φίλος ἐστίν, φίλοι φασίν
" ἄλλως πῶς wird ἄλλως πως " ἄλλος ποτέ, ἄλλων τινῶν.

Anmerk. 3. Nach den namhaftesten alten Grammatikern (Aristarch, Herodian)2) nimmt auch ein Paroxytonon mit trochäischem Rhythmus den Ton der Enklitika an, als: λάμπέ τε, φύλλά τε, ἔνθά μοι, ἔνθά ποτε, τυφθέντά τε (mit Ausnahme von ἐστί, das der allgemeinen Regel folgt, als: φύλλα ἐστί, Bekk. An., III, p, 1148); so in dem Venet. A der Ilias: μήτέ τι Il. f, 288, ἔνθά κεν 544, τίπτέ με x, 8, ὅσσά τ᾽ 115, ὄφρά ς᾿ 282, πύργόν τε 462: auch in anderen Codd., wie z. B. den biblischen, findet sich diese Betonung, als: ἔργά μου, ἄνδρά μου, καίπέρ ἐστιν.3) Als Beispiele von einem Spondeus und einem Pyrrhichius mit zwei Accenten vor einer Enklitika werden noch angeführt: Il. h, 199 γενέσθαί τε τραφέμεν τε (damit man nicht τετραφ. verbinde). Od. t, 320 λοέσσαί τε (damit nicht λοέσσαιτε). II. ζ, 289 u. Od. o, 105 ἔνθ᾽ ἔσάν οἱ πέπλοι (einziges Beispiel der Inklination auf ein pyrrhichisches Wort, Hdn. zu Il. α, 255, ausser bei σφιν u. s. w., s. u.; es sollte hier das Pron. οἱ = αὐτῷ nicht mit dem Artikel verwechselt werden). Bei den mit σφ anlautenden Pronomina soll jedes vorangehende Paroxytonon, welchen Rhythmus es auch haben mag, den Ton aufgenommen haben, so dass diese Encliticae nie den Ton hatten, als: Il. c, 134 ἄρά σφιν. y, 138 ὅτί σφισι. l, 807 ἵνά σφ᾽ ἀγορή. Od. m, 40 ὅτίς σφεας. — Charax indes (Bekk. An. III, p. 1149) bemerkt gegen diese Betonung: ἐν μιᾷ λέξει κατὰ συνέχειαν δύο ὀξείας οἱ παλαιοὶ οὐκ ἐτίθουν: κακοφωνίαν γὰρ ποιοῦσι: . . ὅθεν μέμφονται οἱ ἀκριβεῖς τὸν θέσει τροχαϊκὸν ἔχοντα δύο ὀξείας ἐφεξῆς, ἄλλός τις: καὶ εὐλόγως εἰς τὴν ἀρχὴν τῆς Ὀδυσσείας Ἀρίσταρχος οὐκ ἐβουλήθη δοῦναι εἰς τὸ ἄνδρα μοι δύο ὀξείας, ἀλλὰ μίαν εἰς τὸ αν, φάσκωνἐν ἀρχῇ ποιήσεως παράλογον οὐ μὴ ποιήσω.

IV. Ein Proparoxytonon und ein Properispomenon verschmelzen mit der folgenden Enklitika so, dass sie ausser ihrem Accente noch einen Akut auf der letzten Silbe erhalten, indem diese letzte Silbe als die Accentsilbe mit der folgenden Enklitika gleichsam ein neues Wort bildet (s. die Vorbemerk.), als:

aus ἄνθρωπος τέ wird ἄνθρω | πόστε

aus ἄνθρωποι τινές wird ἄνθρω | ποίτινες

aus ἤκουσα τοῦ wird ἤκου | σάτου

aus σῶμα τέ wird σῶ | μάτε

aus σῶμα ἐστίν wird σῶ | μάἐστιν

aus ἤκουσα τινῶν wird ἤκου | σάτινων.

Anmerk. 4. Die Properispomena auf ξ und ψ nehmen (wegen der Positionslänge der letzten Silbe) die Inklination einer zweisilbigen Enklitika nicht an (Herod. b. Bekk. An. III, p. 1149, Arcad. p. 140), als: κῆρυξ τινός, φοῖνιξ ἐστίν, λαῖλαψ ἐστίν; aber κῆρύξ τε.

Anmerk. 5. Hermann (de emend. rat. Gr. gr. p. 73) will gegen die Vorschriften der alten Grammatiker geschrieben wissen: ἄνδρα μοῦ, φῶς μοῦ, οὗ τινός, ὧν τινῶν, ἤκουσα τινῶν, weil die Schreibart ἄνδρα μου, φῶς μου, οὗ τινος, ὧν τινων, ἤκουσά τινων mit den Grundregeln der Betonung im Widerstreite stehe. Diese Neuerung ist bei der Übereinstimmung der alten Grammatiker zu verwerfen.4)

V. Das Lokalsuffix δε (ζε), welches die Richtung Wohin ausdrückt, verschmilzt mit Substantiven nicht zu einer Worteinheit; also betont man jetzt nach den über die Inklination aufgestellten Regeln, als: Ὄλυμπόνδε = Ὄλυμπόν δε, ἔρεβόσδε, Μέγαράδε, δόμονδε, Ἀθήναζε d. i. Ἀθήνασ-δε (v. Ἀθῆναι); Σφῆττόνδε, Ἐλευσῖνάδε; οὐρανόνδε. Eine andere Lehre indes trägt Herodian vor (I, 498 f.): οἴκαδε, φύγαδε, ἄγραδε, Ἀθήναζε, χαμᾶζε u. s. w. wurden als einheitliche Wörter betont; dagegen οἶκον δέ, Ἄϊδος δέ, ἀγρὸν δέ, Ὄλυμπον δέ blieben von einander unabhängig, ohne dass von Enklisis dieses δέ die Rede wäre. Damit stimmt auch Apollonius überein (adv. 592 ff., pron. 112 Πυθὼ δ̓ Od. λ, 581), und ebenso betont der Venetus A der Ilias.5) Das gleichlautende Suffix der Demonstrativpronomina dagegen zieht den Ton dieser auf die letzte Silbe vor δε, als: τόσος τοσόσδε, τοσοῦδε, τοσῷδε, τοσῶνδε; τοῖος τοιόσδε, τηλίκος τηλικόσδε, ἔνθα ἐνθάδε. Nach Herodian wurde dabei die lange Paenultima (als in einem einheitlichen Worte) nicht bloss im Genetive und Dative, sondern durchweg, mit Ausnahme jedoch des Duales, properispomeniert, als: οἷδε, τοῦσδε, τοιῆδε, τοσσοῦσδε, aber τώδε, τοιώδε, τοσώδε.6) Proparoxytonon war τοίσδεςσιν, Hdn. II, 155.

Anmerk. 6. Wenn ἐγώ und ἐμοί mit der Enklitika γέ zu Einem Worte verschmelzen, so tritt der Ton auf die drittletzte Silbe: ἔγωγε, ἔμοιγε. Diese Formen sind besonders häufig bei den Attikern, kommen aber nach Herodian auch schon bei Homer (Il. α, 173. 174, ubi v. Schol. Ven. A.) vor.7) S. unt. d. Pron.

VI. Wenn mehrere Encliticae auf einander folgen, so nimmt nach der Lehre der Grammatiker (Apollon. de conj. Bk. An. II. p. 517, Herodian ib. III. p. 1142, bei Lentz I, 551, Arcad. p. 146, Gramm. in Bekk. An. III. p. 1157) die vorhergehende Enklitika immer den Accent der folgenden als Akut auf, als: νύ σέ που δέος ἴσχει Il. e, 812. εἴ πού τίς τινα ἴδοι Thuc. 4.47, 3. εἴ πέρ τίς σέ μοί φησί ποτε. Dieses letzte Beispiel ist aber nicht aus einem Schriftsteller entnommen, sondern von den Grammatikern fingiert; in Wirklichkeit finden sich dergleichen Beispiele nicht. Als Regel scheint dies allerdings dem Wesen der griechischen Betonung zu widersprechen. Daher ist Göttling (S. 405) der Ansicht, die Encliticae seien bloss als Teile des betonten vorangehenden Wortes zu betrachten, und hiernach sei die Betonung einzurichten, also: καλός γε τις, καλοί γε εἰσίν, νυ σέ που, φίλοι τινές μοι εἰσίν u. s. w.. Diese Ansicht wird bestätigt durch die Schreibart des Venetus A und anderer Handschriften der Ilias, als: δέ τε μιν Il. x, 94. οὐδέ τι μιν φ, 322; sodann u. A. durch die Schreibart der Handschriften und alten Ausgaben der Bibel, wo nam. eine zweisilbige Enklitika nach einer einsilbigen ihren Ton behält,8) als: γυνή σου ἐστίν, ἐν γαστρί σου εἰσίν, ὄνομά μου ἐστίν, ταῦτα σοι ἐστίν. Dazu giebt es auch bestimmte Zeugnisse über anderweitige Betonung Herodians: Od. a, 62 τί νυ οἱ, mit der Begründung τὰ παράλληλα ἐγκλιτικά, καὶ μάλιστα ὅτε εἰς φωνῆεν λήγει, προφάσει τῶν δύο βραχειῶν οὐκ ἐγείρει τὸν τόνον. Il. u, 464 εἴ πως ευ᾽ πεφίδοιτο Herodian; es sei nicht nötig, mit Ptolemaeus von Askalon εἴ πώς εὑ zu betonen, da πως πω auch in vielen anderen Beispielen nicht den Akut annähmen, als Od. d, 396 μή πως με προϊδών, Il. w, 553 μή πω μ̓ ἐς θρόνον ἵζε.9) Man hat sich also jedenfalls in der Zeichensetzung bei den Dichtern ebenso mit einiger Freiheit, was diese Dinge betrifft, bewegt, wie man in der lebendigen Aussprache einigermassen frei gewesen sein wird.

Anmerk. 7. Bei der freien Wortstellung der griechischen Sprache darf man sich nicht wundern, wenn die Encliticae sich oftmals nicht an das Wort anschliessen, zu dem sie gehören, sondern an ein anderes, zu dem sie nicht gehören. Od. a, 169 ἀλλ᾽ ἄγε μοι τόδε᾽ εἰπέ st. εἰπέ μοι.10) Pl. Ion 535, b ἔχε δή μοι τόδε εἰπέ. Euthyd. 297, c νεωστί μοι δοκεῖν καταπεπλευκότι (wo man die Worte μοι δοκεῖν nicht in Kommata einschliessen darf). Vgl. weiter unten § 90, A. 3.(Smyth 181)

1 S. Göttling, Accentl., S. 399.

2 S. Hermann de emend. p. 70; Göttling S. 400 ff.; Lehrs l. d. p. 104 sqq.

3 S. Lipsius, Gramm. Unters. über d. bibl. Gräc., S. 50, A. 1.

4 S. über d. Hdschr. Lipsius, Gramm. Unters. über d. bibl. Gräc., S. 49 f.

5 La Roche, Hom. Textkr. 221 f.

6 S. Lehrs l. d. p. 133 sq.; La Roche das. 364 ff.

7 La Roche das. 231 f.

8 S. Lipsius, Gramm. Unters. über die bibl. Gräc., S. 51 ff.

9 La Roche das. 414 ff. Man begründete dies so, dass που, πῃ, πως eigentlich Perispomena seien, und darum den Hochton auch in diesem Falle zurückwiesen; so auch ἄνθρωπόν τινα που φησι (oder φησὶ, was dasselbe) μελῳδεῖν, Hdn. I, 563.

10 Vgl. Ast ad Plat. Legg. T. II, p. 216; Fritzsche, Quaest. Luc. p. 27 sq.; Stallbaum ad Plat. Phaedr., p. 258, a.

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