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345. Entwickelung der Redeteile und ihrer Formen aus dem Satze.

Die notwendigsten Bestandteile eines Satzes sind das Subjekt, d. h. der Gegenstand, von dem etwas ausgesagt (prädiziert) wird, und das Prädikat, d. h. das, was von dem Subjekte ausgesagt wird, das Subjekt ist ein Substantivbegriff, das Prädikat ein Verbalbegriff als: ῥόδον θάλλει, rosa floret. Das Subjekt kann aber in dem Prädikate eingeschlossen liegen, indem es durch die Personalendung des Verbs ausgedrückt wird, als: φη-μί. Und diese in dem blossen Verb bestehende Form des Satzes muss als die ursprünglichste angesehen werden. Vgl. Bekk. An. II, p. 844 τοῦ ῥήματος προγενεστέρου ὄντος τῇ φύσει: ἀεί γὰρ τὰ πράγματα τῶν οὐσιῶν προγενέστερά εἰσι. (Smyth 902)

Die Äusserungen oder Merkmale der Dinge mussten aber bald als etwas von den Dingen selbst Verschiedenes erkannt werden. Denn dasselbe Merkmal, z. B. blühen, wurde nicht bloss bei der Blume, sondern auch bei vielen anderen Gegenständen bemerkt, z. B. der Baum, die Wiese blüht. So musste sich das Merkmal als etwas von dem Dinge Verschiedenes in der Vorstellung trennen. Das Merkmal, das an einem Dinge am meisten in die Sinne fiel und das Innere des Menschen am kräftigsten erfasste, wird nun der Name des Dinges und erhält eine besondere Form. Dieses so gebildete Wort wird, da es ein selbständiges Wesen, eine Substanz bezeichnet, Substantiv genannt.

Das Merkmal, das durch das Verb von einem Gegenstande ausgesagt und ihm beigelegt wird, erscheint als eine lebendige Äusserung der Thätigkeit. Ursprünglich mögen alle Merkmale oder Eigenschaften der Dinge als lebendige Thätigkeitsäusserungen aufgefasst und durch Verben ausgedrückt worden sein. Die Wahrnehmung aber, dass die Merkmale der Dinge sich nicht bei allen auf gleiche Weise verhalten, sondern einige derselben sich gleichsam in einem ewigen Flusse, andere hingegen in einem ruhigen und beharrlichen Zustande befinden, erzeugte das Adjektiv, das sich von dem Verb dadurch unterscheidet, dass es nur die Eigenschaft ausdrückt, während das Verb zugleich die Kraft der Aussage enthält und dadurch die Eigenschaft als eine lebendige Thätigkeitsäusserung hervortreten lässt. Soll nun von einem Subjekte eine Eigenschaft durch das Adjektiv prädiziert werden, so verbindet die Sprache das Adjektiv mit dem Verb εἰμί (st. ἐσ-μί, sk. as-mi, l. (e)sum), das eigentlich atme, lebe, bin vorhanden1) bedeutet, die Dichtersprache auch mit dem Verb πέλω, πέλομαι, das eigentlich bewege mich, oder mit ἔφυν (sk. bhavmi, entstehe, l. fu-i), das eigentlich wuchs, oder mit τελέθω, das eigentlich sprosse bezeichnet, also ῥόδον καλόν ἐστιν, πέλει, πέλεται, ἔφυ, τελέθει, eigentlich die Rose atmet, lebt, besteht, bewegt sich, wuchs, sprosst (als eine) schöne.2) Die konkrete Bedeutung dieser Verben hat sich aber durch den häufigen Gebrauch mehr und mehr abgeschwächt, so dass sie zuletzt nur den allgemeinen, abstrakten Begriff der Existenz (sein) und nur die Form der Aussage ohne den konkreten Inhalt des Ausgesagten ausdrücken. Da sie in dieser Verbindung gewissermassen die Stelle der Verbalflexion vertreten, durch welche die Aussage des Satzes bezeichnet wird (vgl. ῥόδον θαλερόν ἐστιν und . θάλλει), so nennt man sie Aussagewörter, auch Copulae, insofern sie das prädikative Adjektiv mit dem Subjekte verbinden. Sowie das Adjektiv, so kann auch das Substantiv als Prädikat durch das Aussagewort auf das Subjekt bezogen werden, als: Κῦρος βασιλεὺς ἦν, Τόμυρις βασίλεια ἦν (vgl. K. ἐβασίλευεν). (Smyth 912, 917, 918)

Die Form des Substantivs, in der es als Subjekt auftritt, wird Nominativ genannt. Da ein Gegenstand bald einzeln, bald in der Mehrheit erscheint, so bildete sich mit dem Begriffe eines Gegenstandes auch der Begriff der Zahl und in der Sprache sowohl an dem Subjekte als an dem von ihm ausgesagten Prädikate eine besondere Form für die Einzahl, eine andere für die Mehrheit und im Griechischen wie in vielen anderen Sprachen auch eine dritte für die Zweiheit. Zu gleicher Zeit entwickelte sich an dem Subjekte der Gegensatz des persönlichen Geschlechtes zu dem unpersönlichen oder sächlichen, indem man die Gegenstände entweder nach ihren Äusserungen als persönliche, lebende Wesen oder als blosse leblose Sachen, aller Persönlichkeit entbehrend, auffasste und zur Bezeichnung dieses Gegensatzes eine Form für das persönliche und eine andere für das unpersönliche Geschlecht schuf. Der natürliche Geschlechtsunterschied bei Menschen und Tieren, den dann die Phantasie auch auf andere persönliche oder als persönlich aufgefasste Dinge übertrug, rief die weitere Scheidung des persönlichen Geschlechts in ein männliches und ein weibliches hervor.

Die Beziehung des Prädikates auf das Subjekt und die Verknüpfung beider zu der Einheit eines Gedankens wird dadurch bezeichnet, dass das Prädikat in seiner Form mit dem Subjekt kongruiert. Diese Kongruenz der Form wird an dem Verb durch die Personalendungen, an dem Adjektive durch die das Geschlecht und die Zahl des Subjektes ausdrückende Nominativform bezeichnet. Die Adjektive haben entweder nur eine Form für das persönliche (männliche und weibliche) Geschlecht, oder Eine Form für das persönliche und eine andere für das sächliche Geschlecht, oder eine Form für das männliche, eine zweite für das weibliche und eine dritte für das sächliche Geschlecht.

Die von dem Subjekte ausgesagte Thätigkeitsäusserung kann verschieden gedacht werden, indem dieselbe entweder von dem Subjekte ausgeht, oder von dem Subjekte ausgeht und wieder auf dasselbe zurückgeht, oder von dem Subjekte so aufgenommen wird, dass es leidend erscheint. Das Bedürfnis diese drei Arten des Verbalbegriffs durch drei besondere Formen, Aktiv, Medium und Passiv, zu bezeichnen, mag sich erst später fühlbar gemacht haben. Anfänglich wird sich die Sprache mit der je nach der Bedeutung des Wortes bald transitiven, bald intransitiven aktiven Form begnügt haben. Die passive Form hat sich im Griechischen, wie in anderen Sprachen, zuletzt und nur unvollkommen entwickelt, indem zum Ausdrucke derselben teils die mediale, teils mit gewissen Abänderungen die aktive verwendet wurde: τύπτομαι, ich schlage mich und ich werde geschlagen, ἐ-τύπ-ην, ich ward geschlagen, vgl. ἔ-στη-ν.

Die auf das Subjekt bezogenen Thätigkeitsäusserungen sind ferner nicht etwas Bleibendes, Beharrliches, Feststehendes, sondern etwas Bewegliches, Veränderliches, Flüssiges, in der Zeit Befindliches. Indem nun der Redende dieselben auf seine Gegenwart bezieht, bilden sich in seinem Geiste die Vorstellungen von Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft und in der Sprache die Zeitformen des Verbs. Die vollständige Entwickelung der Zeitformen ist nur ganz allmählich vor sich gegangen, vgl. §§ 220 ff. Zuerst musste sich dem Geiste der Gegensatz der Gegenwart zu der Vergangenheit bemerkbar machen, und so entstand eine Zeitform für die Gegenwart und eine für die Vergangenheit, Präsens und Präteritum. Die Präsensform diente wohl zunächst zugleich zur Bezeichnung der Zukunft, wie sich noch manche Präsensformen mit Futurbedeutung erhalten haben, als: βέομαι oder βείομαι, werde leben, δήω, werde finden, κείω und κέω, will liegen, ἔδομαι, werde essen, πί-ομαι, werde trinken, χέω, werde giessen (s. § 227, 6).

Das Verhältnis des Redenden zu den auf das Subjekt bezogenen Thätigkeitsäusserungen findet seinen Ausdruck in den Modusformen, deren es im Griechischen vier giebt: Der Indikativ stellt die Handlung als thatsächlich vorhanden hin, der Konjunktiv als erwartet oder gewollt, der Optativ als vorgestellt oder gewünscht, der Imperativ als befohlen.3

Der aus Subjekt und Prädikat bestehende Satz kann sich erweitern. Das Subjekt tritt durch sein Prädikat zu einem Gegenstande in ein kausales Verhältnis. Zur Bezeichnung desselben hat die griechische Sprache drei Kasusformen: Akkusativ, Genetiv und Dativ, zu denen noch eine besondere Kasusform zur Bezeichnung der angeredeten Person, der Vokativ, hinzutritt. Der Vokativ, als Ausdruck einer Willensregung ist vielleicht die älteste Kasusform; daher er auch meistens ohne Kasuszeichen in der reinen oder nach Wohllautsgesetzen abgeschliffenen Stammform des Wortes erscheint (§ 100, 2). Auch der Begriff einer Thätigkeitsäusserung kann zu dem Prädikate als Objekt treten. Zu diesem Zwecke bildete die Sprache eine besondere Form eines indeklinabeln Substantivs, indem dem Verbalstamme eine substantivische Form, die Infinitiv genannt wird, gegeben wurde, als ἀκου-έμεναι, ἐπι-θυμῶ ἀκουέμεναι, ἀκούειν. Diese ursprünglich zur Bezeichnung eines Objektes gebildete Verbalform wurde später auch als Subjekt und in Verbindung mit dem Aussageworte als Prädikat gebraucht. Ausser den Kasusformen hat die Sprache eine besondere Wortart geschaffen, durch welche die Art und Weise, wie die Thätigkeitsäusserung des Subjekts geschieht, angegeben wird. Man nennt sie Adverb. Insofern die angegebenen Bestimmungen des Prädikates demselben gegenüberstehen und so gleichsam als Objekte erscheinen, wird das hieraus entstandene Satzverhältnis das objektive genannt.

Bei dem weiteren Fortschreiten der Sprache entwickelt sich ein neues Satzverhältnis, das attributive, indem das Prädikat mit seinem Subjekte zu einer Begriffsbezeichnung verschmilzt. Bei diesem Vorgange muss natürlich die Aussage des Satzes wegfallen. Ist daher das Prädikat durch eine Verbalform ausgedrückt, so bildet die Sprache aus dem Verbalstamme eine neue adjektivische Form, welche Partizip genannt wird. So wird z. B. aus ῥόδον θάλλειῥόδον θάλλον. Ist aber das Prädikat durch ein Adjektiv mit dem Aussageworte εἶναι ausgedrückt, so wird dieses weggelassen. So wird z. B. aus ῥόδον καλόν ἐστιῥόδον καλόν. Während in dem Satze die Bezeichnung der Eigenschaft als erst geschehend erscheint, erscheint sie in dem attributiven Satzverhältnisse als bereits geschehen. Das attributive Adjektiv und das attributive Partizip unterscheiden sich dadurch von einander, dass das erstere die Eigenschaft (das Attribut) als eine in Ruhe an dem Gegenstande haftende, das letztere als eine bewegliche darstellt, indem es dieselbe entweder als in der Entwickelung begriffen oder als vollendet und entweder als handelnd oder als leidend durch verschiedene Formen bezeichnet. Da das attributive Adjektiv oder Partizip mit einem Subjekte zu einer Begriffsbezeichnung verschmilzt, so bezeichnet die Sprache diese innige Verbindung dadurch, dass sie dasselbe mit der Form des Subjektes in Kasus, Genus und Numerus kongruieren lässt, und da ein Attribut nicht allein einem Subjekte, sondern auch einem Objekte beigelegt werden kann, so hat die Sprache auch für das Adjektiv und Partizip ausser dem Nominative die übrigen Kasus gebildet. Auch das durch ein Substantiv und die Aussage ausgedrückte Prädikat (Κῦρος ἦν βασιλεύς) kann nach Weglassung der Aussage zu einem Attributive eines Substantivs (Κῦρος βασιλεύς), das Apposition genannt wird, gemacht werden. Endlich kann auch durch den Genetiv eine attributive Bestimmung ausgedrückt werden, indem das Prädikat die Form eines Substantivs annimmt (πατρὸς φιλία, Liebe [des] Vaters, väterliche Liebe, entstanden aus πατὴρ φιλεῖ, oder Liebe zum Vater, entstanden aus φιλῶ πατέρα).

Zuletzt haben wir noch eine Spracherscheinung zu erwähnen, die das Adjektiv und das davon abgeleitete Adverb betrifft. Eine Eigenschaft kann einer Person oder Sache oder einer Thätigkeitsäusserung entweder in einem höheren Grade als an einer anderen oder in dem höchsten Grade unter allen übrigen zukommen. Zur Bezeichnung dieses Verhältnisses der Vergleichung (Komparation) schuf die Sprache zwei besondere Formen des Adjektivs und des Adverbs, den Komparativ und den Superlativ, denen der Gegenstand der Vergleichung im Griechischen im Genetive hinzugefügt wurde. Das Verb ist an sich einer solchen Steigerung nicht fähig, doch giebt es, wie wir § 349^{b} sehen werden, einige Verben, die von Komparativen und Superlativen abgeleitet sind und gleiche Konstruktion mit diesen haben.

Aus der gegebenen Erörterung sehen wir, dass aus dem Satze sich vier unterschiedene Wortarten nebst ihren Formen: Substantiv, Verb, Adjektiv und Adverb, entwickelt haben. Alle vier sind aus der sinnlichen und geistigen Anschauung des Menschen hervorgegangen und haben einen stofflichen Inhalt. Man nennt daher diese Wörter Stoff- oder Begriffswörter (φωναὶ σημαντικαί Aristot. poet. 20). Aber der denkende Geist dringt allmählich mehr und mehr in das Verhältnis der Dinge ein; er erkennt räumliche, zeitliche, kausale und modale Verhältnisse, welche sich nicht durch jene vier Wortarten ausdrücken lassen, und schafft daher zur Bezeichnung dieser Verhältnisse neue Wörter, die, da sie nicht Gegenstände der Wahrnehmung darstellen, sondern nur Anschauungs- und Denkformen bezeichnen, d. h. formelle Verhältnisse, unter denen der Redende die Dinge anschaut oder denkt, Formwörter (φωναὶ ἄσημοι) genannt werden.4) Die sogenannten Interjektionen sind weder Begriffsnoch Formwörter, sondern blosse artikulierte Empfindungslaute.

Zu den Formwörtern gehören:

a) Die Pronomina oder Deutewörter, welche die Dinge nicht nach ihrem stofflichen Inhalte, sondern nur nach ihren formellen Verhältnissen in Beziehung auf den Redenden bezeichnen. Der durch das Pronomen dargestellte Gegenstand bezieht sich nämlich entweder auf den Redenden selbst oder auf den Angeredeten oder auf ein Drittes, das dem Redenden gegenübersteht. Die Pronomina zerfallen in substantivische, adjektivische und adverbiale und können daher im Satze die Stelle des Subjekts, des Objekts, des Attributivs und in Verbindung mit dem Aussageworte auch des Prädikats einnehmen. Die adverbialen Pronomina bezeichnen meistens ein Ortsverhältnis, als: ἐνταῦθα, ἐκεῖ u. s. w., seltener ein Zeitverhältnis, als: τότε, oder die Art und Weise, als: οὕτως, ὧδε.

b) Die Adverbien des Ortes, der Zeit, der Intensität oder des Grades, der Quantität, der Modalität, als ἄνω, κάτω; νῦν, χθές; σφόδρα, μάλα; πολύ, πολλάκις, δίς; οὐ, μή, , ναί, μήν u. s. w.

c) Die Präpositionen, welche das Verhältnis des Raumes, der Zeit, der Ursache, der Art und Weise, in dem ein Gegenstand zu dem Prädikate steht, bezeichnen, als: οἰκεῖ ὑπὸ γῆς; ἐξ ἡμέρας ἐπορεύθη; ὑπ᾽ ἀνανδρίας ἀπέφυγεν; διὰ σπουδῆς ἐμαχέσαντο. Die Präpositionen sind ursprünglich Ortsadverbien, wie sie noch häufig, namentlich in den Homerischen Gedichten, gebraucht werden.

d) Die Konjunktionen, welche zur Verbindung der Sätze dienen, wie καί, τέ, ὅτε u. s. w.

e) Die Zahlwörter, welche das Zahlverhältnis ausdrücken, in dem ein Gegenstand zu dem Redenden steht. Mit Ausnahme der vier oder fünf ersten haben sie sich gewiss unter allen Redeteilen am spätesten entwickelt, da der Begriff der Zahl etwas rein Abstraktes ist, und ihre Bezeichnung daher ein schon weit fortgeschrittenes Sprachbewusstsein voraussetzt.5

f) Das Verb εἶναι, wenn es nicht einen konkreten Verbalbegriff, wie vorhanden sein, leben, verweilen, bezeichnet, sondern nur als Aussagewort zur Verknüpfung des Prädikates mit dem Subjekte dient und die Stelle der Flexionsendungen des Verbs vertritt (s. §§ 345, 3. 350, 2. 353); so auch einige andere Verben, wie δύνασθαι, χρή, δεῖ, welche Modalbeziehungen der Möglichkeit und Notwendigkeit ausdrücken.

Wir haben bisher gesehen, wie die wandelbaren Beziehungen der Wörter (die grammatischen Verhältnisse) teils durch die Flexion, teils durch Formwörter bezeichnet werden. Aber auch nach einer anderen Seite zeigte sich der Sprachgeist thätig, indem er aus schon vorhandenen Wörtern neue bildete, welche sich von ihren Stammwörtern hinsichtlich des Begriffes sowohl als der Form unterscheiden. Dieser Bildungsvorgang besteht darin, dass das Stammwort teils im Inneren eine lautliche Veränderung erfährt, teils eine besondere Endung annimmt, wie τρέφ-ω, τροφ-ή, τροφ-έω, τρόφ-ημα, τρόφ-ις, τρόφιμος, τροφ-εύς, τροφ-εῖον. Bei fortschreitender Geistēsentwickelung geht die Sprache so weit, dass sie sogar ganze Satzverhältnisse durch ein einziges Wort (zusammengesetztes Wort) auszudrücken sucht, wie wir § 338 gesehen haben.

Der aus dem objektiven und attributiven Satzverhältnisse bestehende Satz kann sich dadurch zu einem grossen Umfange erweitern, dass sich die objektiven und attributiven Bestimmungen mit neuen objektiven und attributiven Bestimmungen verbinden, als: τῶν Ἑλλήνων ἀπὸ τῶν Περσῶν λαμπρῶς γενομένη νίκη οὔποτε τῷ χρόνῳ ἐξ ἀνθρώπων μνήμης ἐξαλειφθήσεται. Endlich kann auch ein Satz mit einem anderen verbunden werden. So lange der Mensch auf der untersten Stufe geistiger Entwickelung steht, spricht er seine Gedanken in einzelnen Sätzen nach einander aus, ohne den inneren Zusammenhang und die wechselseitige Beziehung der Gedanken auch äusserlich in der Form darzustellen. Bei fortschreitender Entwickelung des geistigen Lebens aber gelangt der Mensch zu der Erkenntnis, dass die an einander gereihten Gedanken in einem inneren Zusammenhange zu einander stehen, und es erwacht in ihm das Bedürfnis diesen inneren Zusammenhang auch äusserlich durch die Rede darzustellen. So entstehen die sogenannten Konjunktionen, d. h. Wortgebilde, welche die Verbindung der dem Inhalte nach zusammengehörigen Sätze und die Einheit des durch sie ausgedrückten Gedankens bezeichnen, als: τέ, καί, δέ, μέν, οὐδέ, οὔτε . . οὔτε, γάρ, ἄρα, οὖν u. s. w. Die Verbindungsweise der Sätze bestand jedoch anfänglich nur darin, dass die vorher ohne alles Band neben einander stehenden Sätze jetzt mittels der angegebenen Konjunktionen an einander gereiht und dadurch enger zusammengehalten wurden.

Aber der allmählich immer tiefer in das Reich der Gedanken eindringende und nach Klarheit strebende Geist musste erkennen, dass zwischen den auf jene Weise an einander gereihten Gedanken ein wesentlicher Unterschied obwaltet, insofern sie sich entweder so zu einander verhalten, dass der eine neben dem anderen eine gewisse Selbständigkeit behauptet, oder so, dass der eine den anderen nur ergänzt oder bestimmt, der eine als ein unselbständiges und abhängiges Glied des anderen hervortritt und von diesem getragen wird. Um die innige Verbindung des abhängigen Gedankens mit dem denselben tragenden Gedanken zu bezeichnen, wandte die Sprache sinnreich teils das Relativ an, teils bildete sie aus dem Relative besondere Konjunktionen, wie ὅτι, ὡς, ὅπως, ἵνα, ὅτε u. s. w. Auf diese Weise hat sich der aus einem Hauptsatze und einem Nebensatze zusammengesetzte Satz entwickelt. Die Nebensätze entsprechen nach ihrem grammatischen Verhältnisse teils dem Substantive als Subjekt und Objekt, teils dem attributiven Adjektive, teils dem Adverb oder einem adverbialen Ausdrucke und werden daher Substantiv-, Adjektiv- und Adverbialsätze genannt.6) Man vgl. ἠγγέλθη, ὅτι οἱ Ἕλληνες ἐνίκησαν mit τῶν Ἑλλήνων νίκη ἠγγέλθη; οἱ πρέσβεις ἐπήγγειλαν, ὅτι οἱ . ἐνίκησαν mit οἱ πρέσβεις ἐπήγγειλαν τὴν τῶν . νίκην; οἱ Ἕλληνες ἐπολιόρκησαν τὴν πόλιν, ἣν οἱ πολέμιοι ᾑρήκεσαν mit οἱ . ἐπολιόρκησαν τὴν ὑπὸ τῶν πολεμίων ἑαλωκυῖαν πύλιν; οἱ πολέμιοι ἀπέφυγον, ὅτε ἡμέρα ἐγένετο mit οἱ π. ἅμ᾽ ἡμέρᾳ ἀπέφυγον. Die einzelnen Glieder eines Nebensatzes können nun wieder Nebenbestimmungen annehmen, ja sich selbst wieder zu Nebensätzen entwickeln, und so entsteht die Periode.

Das Verb ist also, da i[nring] ihm zuerst der Satz sich in seiner einfachsten Form dargestellt und sich von da aus stufenweise bis zur Periode, die, kunstmässig ausgebildet, die schönste und vollendetste Schöpfung des Sprachgeistes ist, entwickelt hat, als die Wurzel anzusehen, aus welcher der ganze Sprachbaum mit allen seinen unendlichen und wunderbaren Verzweigungen auf organische Weise emporgewachsen ist.


Bemerkungen über einige Eigentümlichkeiten der griechischen Sprache im Gebrauche der Substantive.

1 S. Curtius, Et.^{5}, S. 375 f.

2 Die romanischen Sprachen bedienen sich teils des lat. esse, teils des lat. stare: ital. essere, sp. ser, je suis = sum, ital. stare, sp. estar, fr. être (aus estre), j'étais = stabam, été = status, ital. stato. S. Heyse, Syst. der Sprachwissensch., S. 394 f.

3 Kühner unterscheidet nur drei Modi: Indikativ, Konjunktiv und Imperativ. S. dagegen namentlich Bäumlein, Untersuchungen über die griech. Modi, p. 20 ff.

4 S. Herling, Frankf. Gelehrtenver. 1821, III St. § 36; Becker, Organism. § 47; Heyse, System der Sprachwissenschaft, S. 39.

5 S. Heyse, System der Sprachwissenschaft, S. 104 ff.

6 Der Gründer dieser Theorie von den Nebensätzen ist der scharfsinnige Sprachforscher S. H. A. Herling, s. Frankf. Gelehrtenver. III St., 1821, erst. Kurs. eines wissenschaftl. Unterrichts in der Deutsch. Spr., Synt. der Deutschen Spr., I. T., 1830 und besonders II. T. 1832.

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