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592. Von der Form der obliquen oder indirekten Rede.

Will man die Worte oder Gedanken einer Personsei es nun eine dritte oder die zweite Person oder der Redende selbstberichten, so ist eine vierfache Ausdrucksweise möglich:

Entweder man giebt die Worte unverändert in derselben Form wieder, in welcher sie ausgesprochen worden sind. Die berichtete Rede erscheint dann völlig unabhängig von der Vorstellung des Erzählenden, der gleichsam das Wort einem andern überlässt und inzwischen sich selbst ganz im Hintergrunde hält, z. B. Der König lässt euch melden: “Ich bin bereit, Frieden zu schliessen.” Dieser rein objektiven Form der oratio recta bedienen sich naive Erzähler, wie Herodot, mit Vorliebe, z. B. 8, 140 ὡς δὲ ἀπίκετο (Ἀλέξανδρος) ἐς τὰς Ἀθήνας ἀποπεμφθεὶς ὑπὸ Μαρδονίου, ἔλεγε τάδε: Ἄνδρες Ἀθηναῖοι, Μαρδόνιος τάδε λέγει: Ἐμοὶ ἀγγελίη ἥκει παρὰ βασιλέος κτλ.(Smyth 2590)

Oder man giebt den Inhalt der fremden Rede von seinem eigenen Standpunkte aus in einem selbständigen Berichte wieder, als ob man das Berichtete selbst wahrgenommen hätte. Damit ist naturgemäss eine Personenverschiebung verbunden; insbesondere wird das ursprüngliche Ich im Munde des Erzählers zu Er: Der König lässt euch melden: Er ist bereit, Frieden zu schliessen. Gehört die Rede der Vergangenheit an, so kommt noch Tempusverschiebung hinzu: Der König liess damals melden: Er war bereit, Fr. z. schl. Diese subjektiv gefärbte Darstellung fremder Gedanken begegnet uns häufig bei Homer, z. B. *l, 201 Ζεύς με πατὴρ προέηκε τεῒν τάδε μυθήσασθαι: | ὄφρ᾽ ἂν μέν κεν ὁρᾷς Ἀγαμέμνονα ποιμένα λαῶν | θύνοντ᾽ ἐν προμάχοισιν ἐναίροντα στίχας ἀνδρῶν, | τόφρ᾽ ὑπόεικε μάχης, τὸν δ̓ ἄλλον λαὸν ἄνωχθι | μάρνασθαι δηίοισι κατὰ κρατερὴν ὑσμίνην: | αὐτὰρ ἐπεί κ̓ δουρὶ τυπεὶς βλήμενος ἰῷ | εἰς ἵππους ἅλεται, τότε τοι κράτος ἐγγυαλίξει. (Vgl. Λ, 186 ff. βάσκ᾽ ἴθι, Ἶρι ταχεῖα, τὸν Ἕκτορι μῦθον ἐνίσπες: | ὄφρ᾽ ἂν μέν κεν ὁρᾷ Ἀγαμέμνονα . . | τόφρ᾽ ἀναχωρείτω, τὸν δ̓ ἄλλον λαὸν ἀνώχθω | μάρνασθαι δηίοισι κατὰ κρατερὴν ὑσμίνην: | αὐτὰρ ἐπεί κ̓ . . . ἅλεται, τότε οἱ κράτος ἐγγυαλίξω.) Vgl. Η, 391 mit 364. Β, 28 ff. mit 11 ff. Θ, 414 ff. mit 402 ff. Ι, 270 ff. mit 128 ff.

Diesen zwei unabhängigen Redeformen entsprechen die folgenden zwei abhängigen Formen, in denen die berichteten Worte oder Gedanken einem im Hauptsatze stehenden Verbum der Wahrnehmung oder Mitteilung (v. sentiendi oder declarandi) grammatisch untergeordnet werden:

Der Erzähler berichtet in abhängiger Rede die Worte oder Gedanken einer Person von seinem Standpunkte aus, so dass das Berichtete zugleich als seine eigene Behauptung erscheint (entsprechend der unter Nr. 2 erläuterten subjektiven Form des selbständigen Berichts): Der König lässt melden, dass er bereitist, Frieden zu schliessen. Mit Tempusverschiebung: Der König liess melden, dass er bereit war. Diese Art der abhängigen Rede ist im Griechischen nur in sehr geringem Grade ausgebildet. Tempusverschiebung (für das Griechische das einzige unterscheidende Kennzeichen gegenüber der in Nr. 4. besprochenen rein objektiven Form, vgl. Anm. 1) findet sich nur nach Verben sentiendi und declarandi häufiger (bei Homer regelmässig), vgl. § 550, 3 a, dagegen nach Verben des Sagens und Meinens nie, und in obliquen Nebensätzen selten, vgl. § 595, 3. g, 166 γίγνωσκον, δὴ κακὰ μήδετο δαίμων. X. M. 1.7.1 ὅτι δ̓ ἀληθῆ ἔλεγεν, ὧδ᾽ ἐδίδασκεν.

Der Erzähler berichtet in abhängiger Rede die Worte oder Gedanken einer Person von deren Standpunkte aus, indem er sich in die Zeit und Situation versetzt, in der die berichteten Äusserungen gesprochen wurden. Dabei kann unter Umständen eine Modusverschiebung eintreten, vgl. § 550, 4. § 594. Dagegen bleibt im Griechischen das Tempus unverändert, wie es in der direkten Rede stehen würde: βασιλεὺς ἤγγειλεν ὅτι ἕτοιμός ἐστιν (entsprechend dem direkten εἰμί) oder εἴη, εἰρήνην ποιήσασθαι, der König liess melden, dass er bereit wäre, Frieden zu schliessen. Diese rein objektive Darstellungsart, bei der die Anschauung des Erzählers ganz ausser Betracht bleibt (wie in der unter Nr. 1 erläuterten direkten Form) ist in der nachhomerischen Sprache die fast ausschliesslich übliche Form der oratio obliqua.

Anmerk. 1. Während also das Deutsche in dem Konjunktiv ein Mittel besitzt, den Zweifel des Berichtenden an der Wahrheit des Berichteten anzudeuten, fehlt der griechischen Sprache ein derartiges Mittel durchaus; sie beschränkt sich darauf, die Aussage rein objektiv wiederzugeben. X. H. 1.6.36 βοῶντας ὅτι Καλλικρατίδας νενίκηκε ναυμαχῶν καὶ ὅτι αἱ τῶν Ἀθηναίων νῆες ἀπολώλασιν ἅπασαι, mit dem Rufe: “K. hat gesiegt, alle Schiffe der Ath. sind untergegangen.” Cy. 8. 7, 19 οὐδὲ τοῦτο πώποτε ἐπείσθην, ὡς ψυχή, ἕως μὲν ἂν ἐν θνητῷ σώματι , ζῇ, ὅταν δὲ τούτου ἀπαλλαγῇ, τέθνηκεν, tot sein sollte. Lys. 10.8 εἰ δέ τις εἴποι ὡς τὴν τεκοῦσαν τὸν φύσαντα ἔτυπτες, dass du geschlagen hättest. Isocr. 15.30 πειρᾶταί με διαβάλλειν κατήγορος ὡς διαφθείρω τοὺς νεωτέρους. Auch der Optativ, der nach historischem Tempus für den Indikativ eintreten kann (vgl. § 550, 4), giebt der Rede nicht eine subjektive Färbung in dem oben besprochenen Sinne, sondern dient nur dazu, die berichteten Worte ausdrücklich als der Vergangenheit angehörige Äusserungen oder Gedanken des übergeordneten Subjekts zu kennzeichnen. P. Menex. 240d διδάσκαλοι τοῖς ἄλλοις γενόμενοι ὅτι οὐκ ἄμαχος εἴη Περσῶν δύναμις (den Worten nach: “nicht unbesieglich wäre”, aber dem Sinne nach zugleich: “nicht unbesiegbar ist”). Dem. 50.50 ἀποκρίνεται αὐτῷ κυβερνήτης, ὅτι τριήραρχος ἐγὼ τῆς νεὼς εἴην, wäre = war.

Anmerk. 2. Über ὅτι alsAnführungszeichens. § 551, 4.(Smyth 2591)

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